Deutschland hat kein Energieproblem, weil nachts die Sonne nicht scheint. Deutschland hat ein Speicherproblem, ein Netzproblem – und möglicherweise zunehmend ein Problem mit den politischen Prioritäten seiner Energiepolitik.
Die Bundesregierung von Friedrich Merz und Wirtschaftsministerin Katherina Reiche spricht weiterhin von Energiewende. Das Ziel, bis 2030 mindestens 80 Prozent des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien zu decken, bleibt bestehen. Auch der Ausbau der Windkraft soll weitergehen, zusätzlich sind zwölf Gigawatt Windleistung an Land vorgesehen. Von einem vollständigen Ausstieg aus den erneuerbaren Energien kann also keine Rede sein.
Doch schaut man genauer hin, entsteht ein bemerkenswertes Bild.
Bei Photovoltaik lautet die neue Botschaft zunehmend: Der Markt soll es richten.
Bei Benzin und Diesel greift der Staat ein, wenn die Preise zu hoch werden.
Bei steuerbarer Kraftwerksleistung schafft der Staat über Jahre garantierte Einnahmen.
Und gleichzeitig entwickelt sich ausgerechnet die Speichertechnik mit einer Geschwindigkeit weiter, die einen erheblichen Teil unserer bisherigen Vorstellung von Stromversorgung verändern könnte.
Wenn Solar sich plötzlich selbst rechnen soll
Mit der EEG-Novelle will die Bundesregierung die bisherige Einspeisevergütung für neue Anlagen schrittweise beenden. Auch kleine PV-Anlagen unter 25 kWp sollen keine dauerhafte Förderung mehr erhalten. Die Argumentation: Photovoltaik sei inzwischen günstig genug, kleine Anlagen könnten auch ohne klassische Förderung attraktiv sein und erneuerbare Stromerzeugung müsse stärker auf Marktpreise und Netzzustand reagieren.
Das klingt zunächst nachvollziehbar.
Irgendwann muss eine erfolgreiche Technologie schließlich ohne dauerhafte Subventionen auskommen können.
Nur gibt es einen Haken: Fraunhofer ISE warnt davor, dass die Abschaffung der bisherigen Vergütung bei kleinen Dachanlagen zu einem deutlichen Rückgang der Investitionen führen könnte, wenn die Direktvermarktung nicht gleichzeitig erheblich einfacher wird. Kleine Dachanlagen stellen heute mehr als ein Drittel der installierten Photovoltaikleistung.
Der Staat setzt also ausgerechnet dort stärker auf Marktmechanismen, wo Millionen Bürger selbst Kapital investieren müssten, um Stromerzeugung dezentral aufzubauen.
Gleichzeitig garantiert der Staat Milliarden für gesicherte Leistung
Ganz anders sieht es bei der sogenannten Kraftwerksstrategie aus.
2026 werden zunächst zweimal jeweils 4,5 Gigawatt reduzierte Langzeitkapazität ausgeschrieben. Für den ersten Gebotstermin gilt ein Höchstwert von 244.000 Euro je Megawatt und Jahr – über einen Verpflichtungszeitraum von 15 Jahren.
Rein rechnerisch läge die theoretische Obergrenze allein der ersten 4,5-GW-Runde damit bei rund 16,5 Milliarden Euro über 15 Jahre. Die tatsächlichen Zuschläge können und sollen darunter liegen.
Diese Ausschreibungen sind ausdrücklich nicht ausschließlich für Gaskraftwerke vorgesehen. Die Bundesregierung bezeichnet sie als technologieoffen. Gleichzeitig nennt das Wirtschaftsministerium moderne, hocheffiziente Gaskraftwerke ausdrücklich als typische Kandidaten für die benötigte Langzeitleistung.
Das Argument dafür ist ernst zu nehmen: Wind- und Solarstrom stehen nicht jederzeit zur Verfügung. Deutschland braucht gesicherte Leistung, wenn Wind und Sonne gleichzeitig wenig liefern.
Aber daraus entsteht eine berechtigte Frage:
Warum wird bei erneuerbaren Anlagen zunehmend Marktverantwortung eingefordert, während für Reservekapazitäten über 15 Jahre staatlich garantierte Einnahmen geschaffen werden?
Der Staat zieht sich also keineswegs aus dem Energiemarkt zurück.
Er entscheidet vielmehr neu, wo er eingreift.
Und ausgerechnet Speicher werden gerade immer interessanter
Während diese Diskussion geführt wird, passiert etwas, das energiepolitisch vielleicht viel bedeutender ist: Batteriespeicher werden rapide billiger und verbreiten sich mit enormer Geschwindigkeit.
Fraunhofer ISE meldete für Deutschland Ende 2025 bereits knapp 25 GWh installierte Batteriespeicherkapazität. Davon entfielen fast 20 GWh auf Heimspeicher. Bei Großspeichern stieg die Kapazität innerhalb eines Jahres um 60 Prozent auf 3,7 GWh.
Für 2030 sieht Fraunhofer je nach Szenario einen Bedarf von 100 bis 170 GWh Batteriespeicher.
Das ist keine Nischentechnologie mehr.
Und wir müssen nicht einmal jeden Speicher als gigantische Batterie irgendwo auf einem Acker errichten.
Millionen Häuser können Speicher besitzen.
Mehrfamilienhäuser könnten gemeinsame Quartiersspeicher verwenden.
Unternehmen können Strom zwischenspeichern.
Und Elektroautos bringen ohnehin riesige Batterien mit.
Ein Fahrzeug mit 80-kWh-Akku müsste vielleicht nicht einmal seine halbe Batterie zur Verfügung stellen. Würden lediglich 10 oder 20 Prozent davon für das Stromsystem freigegeben, könnten Millionen Fahrzeuge zusammen eine gewaltige flexible Speicherkapazität bilden.
Die Bundesnetzagentur hat diesen Weg inzwischen selbst eingeschlagen. Mit ihrer MiSpeL-Regelung vom 1. Oktober 2026 soll es deutlich einfacher werden, Batteriespeicher mit Netzstrom zu laden und Elektroautos bidirektional zu nutzen. Die Bundesnetzagentur beschreibt ausdrücklich ein System, in dem Speicher bei niedrigen Strompreisen und hoher erneuerbarer Erzeugung laden und bei hohen Preisen wieder Strom zur Verfügung stellen.
Mit anderen Worten:
Die technischen Grundlagen für genau jenes intelligente Stromsystem entstehen gerade.
Warum sollte ein Haus überhaupt eine eigene Solaranlage brauchen?
Auch hier wird bisher häufig zu klein gedacht.
Ein Batteriespeicher muss nicht zwingend mit einer eigenen Photovoltaikanlage verbunden sein.
Ein Mehrfamilienhaus könnte beispielsweise einen großen gemeinsamen Speicher besitzen. Wenn nachts viel Windstrom vorhanden und der Börsenpreis niedrig ist, lädt der Speicher. Steigen morgens oder abends Preise und Netzbelastung, versorgt er das Gebäude.
Eine Wärmepumpe könnte ihre Betriebszeiten teilweise daran anpassen.
Elektroautos könnten laden, wenn viel Strom vorhanden ist.
Warmwasserspeicher könnten Wärme auf Vorrat produzieren.
Und Millionen Geräte könnten automatisch reagieren, ohne dass ihre Besitzer permanent Strompreise beobachten müssen.
Dynamische Stromtarife, intelligente Messsysteme und automatisches Energiemanagement machen genau das möglich.
Statt permanent die Stromproduktion dem Verbrauch hinterherzuregeln, könnte künftig auch der Verbrauch stärker der Produktion folgen.
Für eine Nacht braucht man Batterien. Für eine Dunkelflaute etwas anderes.
Natürlich gibt es einen Punkt, an dem die Argumentation mit Batterien endet.
Eine Batterie, die Deutschland vier Stunden versorgt, ist etwas vollkommen anderes als ein Speicher, der zwei Wochen Dunkelflaute überbrücken soll.
Deshalb ist die Frage nicht:
Batterie oder Gaskraftwerk?
Die sinnvollere Frage lautet:
Welche Speichertechnik brauchen wir für welchen Zeitraum?
Für Sekunden bis Stunden eignen sich Batterien hervorragend.
Für Stunden und teilweise Tage kommen Pumpspeicher, Druckluftspeicher, größere Batteriesysteme und andere Speichertechnologien infrage.
Dazu kommen klassische Pumpspeicherkraftwerke: Bei Stromüberschuss wird Wasser nach oben gepumpt, bei Bedarf fließt es durch Turbinen wieder herunter. Ähnliche Konzepte lassen sich prinzipiell auch mit ehemaligen Bergwerken oder anderen geeigneten geologischen Strukturen umsetzen.
Für wirklich lange Zeiträume kommt Wasserstoff ins Spiel.
Deutschland besitzt dafür sogar ungewöhnlich interessante geologische Voraussetzungen. Fraunhofer IEG bezifferte das theoretische Speicherpotenzial deutscher Salzstrukturen für Wasserstoff auf gewaltige 35,7 Petawattstunden. Das ist ausdrücklich ein theoretisches geologisches Potenzial und keineswegs vollständig wirtschaftlich nutzbar. Es zeigt aber, dass langfristige Speicherung nicht an fehlendem physikalischem Speicherraum scheitern muss.
Der Wirkungsgrad von Strom über Wasserstoff zurück zu Strom ist erheblich schlechter als der einer Batterie. Für Energie, die nur wenige Stunden gespeichert werden soll, wäre Wasserstoff deshalb unsinnig.
Für eine Reserve, die vielleicht nur einige Male im Jahr gebraucht wird, sieht die Rechnung anders aus.
Genau deshalb braucht ein modernes Energiesystem verschiedene Speicher.
Und dann subventioniert der Staat plötzlich Benzin und Diesel
Besonders widersprüchlich wirkt die Richtung der Energiepolitik beim Blick auf die aktuelle Kraftstoffentlastung.
Seit dem 1. Oktober senkt der Bund die Energiesteuer auf Benzin und Diesel bis Jahresende um 14 Cent pro Liter. Einschließlich Umsatzsteuer sollen Autofahrer rund 17 Cent je Liter weniger bezahlen. Das Entlastungsvolumen beträgt etwa 2,5 Milliarden Euro.
Die Begründung ist nachvollziehbar: Hohe Kraftstoffpreise belasten Familien, Pendler, Handwerk und Wirtschaft.
Aber auch hier darf man die Frage stellen:
Warum gilt bei fossilen Kraftstoffen plötzlich wieder das Argument, dass der Staat einen zu hohen Marktpreis korrigieren muss, während bei erneuerbarer Stromerzeugung zunehmend darauf verwiesen wird, dass sie sich am Markt behaupten soll?
Das ist kein Beweis dafür, dass die Bundesregierung im Auftrag einer „Öl- und Gaslobby“ handelt.
Aber es ist ein politisches Signal.
Und Signale verändern Investitionen.
Auch beim Heizen wird die Richtung weniger eindeutig
Mit dem neuen Gebäudemodernisierungsgesetz wurde die bisherige allgemeine Vorgabe von mindestens 65 Prozent erneuerbarer Energie beim Heizungstausch abgeschafft. Öl- und Gasheizungen dürfen weiterhin neu eingebaut werden. Gleichzeitig bleibt die Förderung klimafreundlicher Heizungen bestehen und für fossile Brennstoffe sollen schrittweise steigende klimafreundlichere Anteile vorgeschrieben werden.
Auch das ist also keine vollständige Abkehr von Wärmepumpe und erneuerbarer Wärme.
Aber wiederum verschiebt sich das Signal:
Der Staat nimmt Druck aus dem Wechsel weg und verlängert die Möglichkeit fossiler Technik.
Wer heute eine Gasheizung einbaut, schafft jedoch eine Anlage, die möglicherweise 20 Jahre betrieben wird.
Energiepolitik entscheidet deshalb nicht nur über das nächste Jahr.
Sie entscheidet über Investitionen, die bis weit in die 2040er-Jahre wirken.
Vielleicht stellen wir die falsche Frage
Die öffentliche Energiedebatte kreist noch immer erstaunlich häufig um die Aussage:
„Was machen wir, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint?“
Vielleicht lautet die interessantere Frage inzwischen:
Was machen wir mit all dem Strom, wenn Wind und Sonne mehr produzieren, als wir gerade brauchen?
Speichern.
Autos laden.
Wärmepumpen intelligent betreiben.
Wasser erwärmen.
Großbatterien laden.
Pumpspeicher füllen.
Elektrolyseure betreiben.
Und erst wenn all diese Möglichkeiten nicht reichen, brauchen wir die selten genutzte gesicherte Reserve.
Gaskraftwerke können Bestandteil einer solchen Reserve sein. Für eine Übergangszeit können sie sogar technisch sinnvoll sein.
Entscheidend ist aber, ob sie wirklich die letzte Absicherung eines erneuerbaren Systems werden – oder ob wir durch milliardenschwere Garantien neue fossile Strukturen schaffen, die anschließend jahrzehntelang wirtschaftlich genutzt werden müssen.
Das ist der Unterschied zwischen einer Energiewende mit Sicherheitsnetz und einer Energiewende mit angezogener Handbremse.
Denn technisch sind wir inzwischen weiter, als die politische Diskussion manchmal vermuten lässt.
Die Batterie im Keller, der Speicher im Mehrfamilienhaus, Millionen Elektroautos, Großbatterien, Pumpspeicher, flexible Verbraucher und langfristig Wasserstoffspeicher können gemeinsam aus schwankender erneuerbarer Energie ein sehr viel stabileres System machen.
Die Energiewende braucht deshalb möglicherweise nicht weniger Wind und Sonne.
Sie braucht vor allem endlich ein Energiesystem, das gelernt hat, mit Wind und Sonne umzugehen.





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